Vom Überfluss zur gemeinsamen Verantwortung

16. April 2026 — Food & Nutrition

Warum die Lebensmittelbranche aufhören sollte, nur ihr eigenes Süppchen zu kochen.

Die Lebensmittelbranche war lange ein Meister der Effizienz. Kaum eine andere Industrie hat es geschafft, Produktion, Logistik und Verfügbarkeit so konsequent zu optimieren. Essen ist heute jederzeit verfügbar, global handelbar, standardisierbar. Ein Erfolg mit Nebenwirkungen.
Denn genau dieses System stößt an seine Grenzen. Ökologisch, ökonomisch und gesellschaftlich.

Nach Zahlen der FAO ist das globale Ernährungssystem für rund ein Drittel der menschengemachten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Gleichzeitig gehen etwa 30 Prozent aller produzierten Lebensmittel verloren oder werden weggeworfen. Die Welt produziert genug Kalorien – aber verteilt sie schlecht. Während ein Teil der Bevölkerung mit Übergewicht kämpft, sind laut WHO weiterhin hunderte Millionen Menschen unterernährt.

„Als Unternehmen der Schwarz Gruppe warten wir nicht, bis Herausforderungen zu Problemen werden. Wir handeln voraus, um ein nachhaltiges, gesundes und sicheres Leben von Milliarden Menschen zu fördern.“

Gerd Chrzanowski, Schwarz Gruppe

Ein System unter Druck

Die nächsten zehn Jahre werden nicht von einem Trend geprägt sein, sondern von mehreren gleichzeitig – und sie verstärken sich gegenseitig.

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#1 Regulierung

Mit strengeren Anforderungen an Transparenz, Herkunft, Inhaltsstoffe und Produktionsbedingungen verschiebt sich der Maßstab für Unternehmen. Wer künftig erfolgreich sein will, muss nicht nur liefern, sondern immer häufiger auch belegen, wie produziert wurde und welche Wirkung das Produkt hat.

#1 Regulierung

Mit strengeren Anforderungen an Transparenz, Herkunft, Inhaltsstoffe und Produktionsbedingungen verschiebt sich der Maßstab für Unternehmen. Wer künftig erfolgreich sein will, muss nicht nur liefern, sondern immer häufiger auch belegen, wie produziert wurde und welche Wirkung das Produkt hat.

#2 Ressourcen

Klimawandel, Wasserknappheit und Bodendegradation setzen die Landwirtschaft unter Druck. Laut IPCC sinken in vielen Regionen bereits heute Erträge durch Extremwetter. Gleichzeitig steigt der Bedarf an stabilen, resilienten Lieferketten. Mehr Produktion ist daher nicht automatisch die Antwort — oft geht es zuerst um Effizienz, Resilienz und Verlustvermeidung.

#3 Gesundheit

Ernährung wird politisch. Staaten greifen stärker ein, etwa durch Zuckersteuern oder Werbebeschränkungen. Der Grund: ernährungsbedingte Krankheiten verursachen enorme Kosten für Gesundheitssysteme. Die Branche steht damit nicht nur unter Markt-, sondern auch unter gesellschaftlichem Druck.

#3 Gesundheit

Ernährung wird politisch. Staaten greifen stärker ein, etwa durch Zuckersteuern oder Werbebeschränkungen. Der Grund: ernährungsbedingte Krankheiten verursachen enorme Kosten für Gesundheitssysteme. Die Branche steht damit nicht nur unter Markt-, sondern auch unter gesellschaftlichem Druck.

#4 Vertrauen

Konsument:innen erwarten heute mehr Nachweis als Behauptung. „Clean Label“, pflanzliche Alternativen oder funktionale Lebensmittel wachsen nur dann nachhaltig, wenn Marken glaubwürdig erklären, was ihre Produkte leisten — und was nicht.

Warum Einzelstrategien nicht mehr reichen

Viele Unternehmen reagieren bereits sinnvoll: Sie reduzieren Zucker, verbessern Verpackungen, investieren in alternative Proteine oder machen Lieferketten transparenter. Das ist wichtig, reicht aber oft nicht aus.

Der Grund ist einfach: Die zentralen Herausforderungen sind systemisch. Lieferketten enden nicht an der Unternehmensgrenze, Standards wirken nur, wenn sie breit akzeptiert werden, und Infrastruktur lässt sich nicht im Alleingang aufbauen. Gerade bei Themen wie Food Waste, Rückverfolgbarkeit oder Kreislaufwirtschaft entstehen Wirkung und Skalierung erst an den Schnittstellen zwischen Unternehmen, Politik und Infrastruktur.

Ein Beispiel: alternative Proteine. Ob Fermentation, Zellkulturen oder pflanzenbasierte Rohstoffe – die technologische Entwicklung ist aufwendig, kapitalintensiv und regulatorisch komplex. Kein Unternehmen wird hier allein den Durchbruch schaffen, der den Massenmarkt wirklich verändert. Entscheidend sind gemeinsame Standards, belastbare Daten, regulatorische Klarheit und investitionsfähige Partnerschaften.

Ein anderes Beispiel ist Verpackung. Recycelbarkeit hängt nicht nur vom Material ab, sondern auch von Sammel-, Sortier- und Verwertungssystemen. Ohne abgestimmte Rahmenbedingungen bleibt selbst die beste Innovation begrenzt.

Kooperation ist kein nice-to-have

Die Branche beginnt, diese Logik zu erkennen. Gemeinsame Standards für Transparenz, branchenübergreifende Allianzen gegen Food Waste und kooperative Forschungsansätze sind wichtige erste Schritte. Doch gemessen an der Größe der Aufgabe ist das Tempo noch zu langsam. Kooperation wird zum entscheidenden Faktor.

→ Wer Daten teilt, reduziert Unsicherheit.

→ Wer Standards definiert, senkt Komplexität.

→ Wer gemeinsam investiert, verteilt Risiko.

→ Wer Zielbilder synchronisiert, verhindert Doppelarbeit.

Gerade in einer Branche, die von Landwirtschaft über Verarbeitung bis Handel stark fragmentiert ist, entsteht Wirkung nicht durch isolierte Perfektion, sondern durch funktionierende Übergänge. Der Hebel liegt deshalb weniger im einzelnen Produkt als in den Schnittstellen des Systems.

„Transforming food systems requires unprecedented collaboration across sectors and stakeholders.“

World Economic Forum, Food Systems Initiative

Wie kann das gelingen?

Wenn Kooperation mehr sein soll als ein Schlagwort, braucht sie konkrete Formen. Dazu gehören vorwettbewerbliche Forschung, gemeinsame Datenräume, interoperable Standards, Pilotprojekte entlang der Wertschöpfungskette und klare Governance-Regeln. Ebenso wichtig sind Anreize, die Zusammenarbeit belohnen, statt sie nur zu fordern.

Nicht jede Partnerschaft muss alles lösen. Manche Kooperationen dienen der Transparenz, andere der Infrastruktur, wieder andere der Forschung oder der Regulierungsvorbereitung. Entscheidend ist, dass Unternehmen nicht nur innerhalb ihrer eigenen Wertschöpfungskette optimieren, sondern gemeinsam an den Systembedingungen arbeiten. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob die Branche innovativ ist. Sie lautet, ob sie bereit ist, Innovation systemisch zu denken. Wer nur das eigene Produkt verbessert, bleibt im alten Paradigma. Wer stattdessen Standards teilt, Risiken bündelt und Verantwortung entlang der Kette organisiert, verändert das Spiel.

Vielleicht beginnt die nächste Phase der Food-&-Nutrition-Branche nicht mit der nächsten neuen Rezeptur im Regal. Sondern mit einer anderen Art, gemeinsam zu handeln.


Quellen

Crippa, M. et al. (2021): Food systems are responsible for a third of global anthropogenic GHG emissions. Nature Food.
https://www.nature.com/articles/s43016-021-00225-9

European Commission: Farm to Fork Strategy.
https://food.ec.europa.eu/horizontal-topics/farm-fork-strategy_en

FAO (2023): The State of Food Security and Nutrition in the World.
https://www.fao.org/publications/home/fao-flagship-publications/the-state-of-food-security-and-nutrition-in-the-world

FAO: Food Loss and Food Waste.
https://www.fao.org/food-loss-and-food-waste/en/

IPCC (2022): AR6 Working Group II Report.
https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg2/

Schwarz Gruppe (2024): Nachhaltigkeitsbericht 2022–2023 und Net‑Zero‑Commitment.
https://gruppe.schwarz/presse/archiv/2024/nachhaltigkeitsbericht-2022-2023-und-net-zero-commitment-september-19-2024

World Economic Forum (2020): Innovation with a Purpose: The role of technology innovation in accelerating food systems transformation.
https://www.weforum.org/reports/innovation-with-a-purpose-the-role-of-technology-innovation-in-accelerating-food-systems-transformation

World Health Organization: Malnutrition.
https://www.who.int/health-topics/malreachable

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